Industrialisierung

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Industrialisierung

Die Untersuchung des Marschgebietes zeigt, daß die Bevölkerungszunahme nicht die gesamte Marsch betrifft. Vielmehr ist zu erkennen, daß ein Industrialisierungsprozeß in zwei Gemeinden ausschlaggebend ist. Zum einen ist es die Gemeinde Rüstringen um das preußische Wilhelmshaven und zum anderen das Gebiet Nordenham, Einswarden-Blexen. Die Gemeinde Rüstringen verdankt ihren Aufstieg dem preußischen Flottenstützpunkt in Wilhelmshaven. Ab der Reichsgründung 1871 und mit dem Ausbau der Hochseeflotte unter Wilhelm II. gewann der Hafen immer mehr an Bedeutung. Die Vergrößerung der Werft, der Flotte und des Hafens, sowie die von ihm lebenden Gewerbe haben einen ständigen Bedarf an Menschen zur Folge. Das oldenburgische Umland konnte weder von der Bevölkerungszahl, noch von der beruflichen Qualifizierung den Bedarf decken. Aus diesem Grunde kamen Zuwanderer aus dem gesamten Reich. Politische Gründe waren ausschlaggebend dafür, daß der erhöhte Wohnungsbedarf nicht durch das preußische Wilhelmshaven gedeckt werden konnte: In Wilhelmshaven befand sich das Land zum überwiegenden Teil in der Hand des Staates Preußen, so daß private Bauprojekte nur schwer anliefen. Die Zuwanderer wichen in die umliegenden Gemeinden aus. Die Gemeinde Rüstringen wuchs von 1 630 Einwohnern im Jahre 1855 auf fast 46 300 Einwohner im Jahre 1910. Im Gegensatz dazu betrug die Einwohnerzahl Wilhelmshavens 1910 ca. 35 000 inklusive Marinepersonal. Ein, wie sich Heinrich Schmidt ausdrückt, "... dynamisches Tempo mit entsprechend radikalem Charakter". Auch das Gebiet um Nordenham verdankt sein Wachstum und "seinen atemberaubenden Aufstieg" größtenteils seinem Hafen. Im Jahre 1857 richtete die Reederei Norddeutsche Lloyd aus Bremen einen regelmäßigen Frachtverkehr, hauptsächlich Viehtransporte, von Nordenham nach England ein. In diesem Zusammenhang wurde Nordenham 1875 an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Die eigentliche Industrialisierung begann 1899 mit der Gründung der Norddeutschen Seekabelwerke, die bereits 1912 etwa 370 Arbeitnehmer beschäftigten. Der Norddeutsche Lloyd ist auch Initiator für die Gründung der Metallwerke Unterweser. Der Betrieb verhüttete importierte Zinkerze aus England, um Zink, Schwefelsäure und Blei zu gewinnen und beschäftige 1912 ca. 650 Arbeitnehmer. Das 1907 gegründete Superphosphatwerk Nordenham wuchs schnell zum größten Betrieb in der Chemiebranche des Großherzogtums. Nordenham war von 15 Einwohnern im Jahre 1855 auf 7 900 Einwohner im Jahre 1910 gewachsen. Ähnlich stark expandierende Industrialisierung finden wir in der Oldenburger Geest nur bedingt, in der Münsterländischen Geest kaum. In der Oldenburger Geest ist vor allem die Gemeinde Delmenhorst Träger des Wachstums. Delmenhorst profitierte hierbei von der Nähe Bremens und dem Umstand, daß Bremen bis 1888 außerhalb der deutschen Zollgrenzen und Delmenhorst innerhalb lag. Delmenhorst bot somit gute Voraussetzungen für Investoren aus Bremen. Mit Bremer Kapital wurden unter anderem folgende Firmen gegründet: 1870 die Hanseatische Jutespinnerei und -weberei; es folgte die Fabrik Delmenhorster Jute; 1882 die Firma Deutsche Linoleumwerke Hansa AG; 1892 Delmenhorster Linoleumfabrik, 1898 Bremer Linoleum Werke Delmenhorst. 1884 war die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei entstanden, die rasch zum größten Betrieb Delmenhorsts anwuchs. Sie beschäftigte im Gründungsjahr 100 Arbeitnehmer und 1914 schon 3 500. Wie auch bei Rüstringen wurden die steigenden Arbeiterzahlen zum größten Teil mit Zuwanderern aus dem gesamten Deutschen Reich, aber auch aus Osteuropa, zum Beispiel Polen, Rußland, Ukraine, gedeckt. Delmenhorst war von 9 400 Einwohnern 1890 auf ca. 22 500 Einwohner im Jahre 1910 gewachsen. "Delmenhorst hatte damit bereits um 1900, jedenfalls für oldenburgische Maßstäbe, echte Großindustrie", wie Heinrich Schmidt anmerkt. Andere Gemeinden in der Oldenburger und in der Münsterländischen Geest hatten einen so starken Standortnachteil durch schlecht ausgebaute Infrastruktur, daß sich dort kaum Hochindustrie ansiedelte. In diesem Zusammenhang sind die Gebiete Oldenburg-Osternburg, Varel, Augustfehn und das münsterländische Lohne zu nennen. Die nähere Betrachtung von Lohne zeigt durchaus eine industrielle Entwicklung, doch blieb sie überschaubar. Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufkommende Zigarrenfabrikation auf der Basis der Heimarbeit wurde gegen Ende des Jahrhunderts in 8 Lohner Zigarren- und Tabakfabriken durchgeführt. Die Fabriken beschäftigten ca. 300 Arbeiter zur damaligen Zeit. Um die Jahrhundertwende exestierten in Lohne: eine Spritzgußfabrikation, eine Maschinenfabrik, zwei Pinsel- und Bürstenfabriken, eine mechanische Weberei, eine Wurstfabrik, mehrere Ziegeleien mit Zementwarenindustrie, eine Torfstreufabrik, eine Kartonagenfabrikation und eine vielzahl anderer Produktionsstätten. Die Industrie von Lohne zeichnete sich weniger durch Größe aus, als vielmehr durch ihre Spezialisierung. Die überschaubare industrielle Entwicklung spiegelt sich in dem Bevölkerungswachstum von Lohne wieder. Die Bevölkerung stieg von ca. 5000 Einwohner 1871 auf 5760 Einwohner im Jahre 1910. Für Oldenburg-Osternburg geriet die Nähe zu Delmenhorst zusätzlich zu einem Nachteil. Wenn auch die Statistik 1895 83 Fabrikanlagen für Oldenburg-Osternburg aufweist, im Gegensatz zu 43 Fabrikanlagen in Delmenhorst im gleichen Jahr, zeigen gerade die Beschäftigungszahlen der Fabriken, den industriellen Entwicklungsgrad. Es arbeiteten in den 83 Fabriken Oldenburgs 2350 Menschen, in den 43 Fabriken Delmenhorsts dagegen ca. 3480 im Jahr 1895.

 

 

 

 

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